Donnerstag, 13. September 2012


Was versteht man eigentlich unter Baukybernetik?

Von  – 12.09.12 – Kategorien: Bau


Ein Gastbeitrag von Friedhelm Lütz, Vorstandsvorsitzender derBauen mit Werten AG
Das Wort “Bauen” ruft bei vielen Menschen ungute Gefühle hervor. Frust und Stress durch Kostenexplosionen und platzende Termine halten die meisten für normal. Dabei gilt außerdem: je größer das Bauprojekt – desto mehr Probleme. Die Verantwortlichkeit für Pannen wird mal dem einen und mal dem anderen Beteiligten zur Last gelegt. Doch es würde auch anders gehen: Gerade für komplexe Prozesse mit vielen Beteiligten und einem unklaren Verlauf eignen sich Methoden der Managementkybernetik. Prof. Anthony Stafford Beer definierte die Grundlagen für diesen ganzheitlichen Ansatz in den späten 1950-er Jahren. Eine Anwendung auf Bauprozesse wird als Baukybernetik bezeichnet. Viele Mängel würden so gar nicht erst entstehen.
Der klassisch gesteuerte Bauprozess
Der heute als normal empfundene Bauprozess ist in einzelne Disziplinen wie Architektur, Inneneinrichtung oder Fensterbau unterteilt. Diese Trennung der einzelnen Bauabschnitte hat ihren Ursprung in der Industrialisierung. Das Resultat sind Kommunikationsprobleme im gesamten Prozess und erhebliche Reibungsverluste an den Schnittstellen.
Verschärft wird die Situation noch durch die derzeitige Vergabepraxis nach Billigbieterprinzip, so dass qualitativ hochwertige Leistungen wenig Berücksichtigung finden. Außerdem ist ein Gebäude kein Unikat, das industriell in Serie gefertigt werden kann. Die Komplexität könnte so reduziert werden.
Vielmehr sind immer wieder andere Endnutzer, Planer und ausführende Unternehmen bei den einzelnen Bauprojekten beteiligt. Dies führt zu einem komplexen und unvorhersehbaren Prozess. Neue Anforderungen wie Energieeffizienz verschärfen die Situation zusätzlich. Klassisch gesteuerte Bauprozesse werden diesen umfassenden Anforderungen nicht mehr gerecht und erreichen schnell ihre Grenzen. Termin- und Kostenüberschreitungen, Schwarzarbeit, Kompetenzgerangel an den Schnittstellen sind die Folge. Pleiten und Pannen gehören deshalb oft zum Alltag auf Baustellen.
Kybernetisch gesteuerte Bauprozesse
Die Kybernetik versteht sich als interdisziplinäre Wissenschaft, deren Erkenntnisse zu einer ganzheitlichen Betrachtungsweise und somit zum vernetzt-systemischen Denken führen. Im Mittelpunkt steht die Lebensfähigkeit des Systems, so dass sich dieses an ständig wechselnde Bedingungen anpassen kann. Vorbild ist hier die Evolution.
Die Grundhaltung eines solchen systemisch-integralen Ansatzes ist durch Fehlerakzeptanz und Feedback gekennzeichnet. Flexibilität und zeitnaher Informationsaustausch werden somit zu den Schlüsselkriterien einer erfolgreichen Projektkommunikation. Außerdem ist die Konzentration auf den gesamten Prozess ausgerichtet.
Für die Praxis bedeutet dies: Etappenziele werden festgelegt, Verantwortlichkeiten klar zugewiesen und Lösungen dialogorientiert erarbeitet. Die Kommunikation der Prozessbeteiligten steht im Mittelpunkt, die ihrerseits die Bereitschaft zur Selbstreflexion mitbringen müssen. So wird das Feedback zum Lernmechanismus des Einzelnen und damit auch des gesamten Teams.
Aufgrund der netzwerkartigen Struktur ergeben sich flache Hierarchien. Kollektiv vereinbarte Regeln geben Handlungsspielräume. Lediglich die Rahmenbedingungen werden festgelegt und nicht die Handlungen im Detail. Durch eine frühe Einbindung aller Projektpartner in den Gesamtprozess, bringt jeder ein hohes Maß an Spezialwissen mit und es entsteht Kreativität.
Eine hohe Teamfunktionalität sowie ein starker Reflexionsgrad sind die Folge. Störungen werden als natürlicher Bestandteil des Prozesses akzeptiert und Änderungen sind schneller umsetzbar. In der Folge ergeben sich viele Synergien und ein hohes Maß an Vertrauen der Beteiligten untereinander, so dass idealerweise die Bauzeit verkürzt und die Kosten verringert werden können.
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http://www.ilmforum.de/bau/was-versteht-man-eigentlich-unter-baukybernetik.html

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